Dienstag 26. Mai 2026

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26.05.2026

Predigt am Pfingstsonntag

Die Predigt von Erzbischof Josef Grünwidl am Pfingstsonntag, am 24. Mai 2026 im Stephansdom:

Liebe Schwestern und Brüder,

Wir sind in Österreich privilegiert, morgen haben wir einen Feiertag. In Italien und sogar im Vatikan ist aber morgen schon wieder ein normaler Arbeitstag, und auch Papst Leo wird morgen arbeiten. Er wird morgen seine mit Spannung erwartete Enzyklika über die künstliche Intelligenz der Öffentlichkeit vorstellen.

Bereits am Tag seiner Wahl zum Papst hat er den Kardinälen gesagt: Ich habe den Namen Leo gewählt, weil Papst Leo XIII. die industrielle Revolution durchlebt hat. Das war Ende des 19. Jahrhunderts. Jetzt, so Papst Leo XIV., stehe der Welt wieder eine Revolution bevor. Die digitale Revolution ausgelöst durch die Künstliche Intelligenz KI.

 

Es geht dem Papst sicher nicht darum, diese neuen technischen Entwicklungen zu verteufeln oder einfach abzusegnen. Die große Frage ist vielmehr: Wie gehen wir damit um? Sehen wir in der KI ein Werkzeug oder eine Waffe? Was braucht es, damit neuen Technologien mit ungeahnten Möglichkeiten nicht zur Gefahr werden, sondern dem Fortschritt der Menschlichkeit, der Würde des Menschen und einer guten Zukunft dienen?

 

Liebe Schwestern und Brüder! Jetzt können wir fragen: Sieht der Heilige Geist, den wir jetzt zu Pfingsten besonders feiern, gegenüber diesen neuen technischen Revolutionen nicht ziemlich alt aus? Brauchen wir ihn noch? Lohnt es sich, auf ihn zu setzen? Ich bin überzeugt: mehr denn je braucht unsere Welt den guten Heiligen Geist Gottes. Warum? – Ich gebe Ihnen zwei Beispiele:

 

Die großartigen digitalen Vernetzungsmöglichkeiten verhindern nicht, dass sich neue Formen der Vereinsamung und der Anonymität einstellen. Digitale Medien können in Sekundenschnelle alle Distanzen überwinden, aber sie schaffen keine menschliche Nähe. Gegen Vereinsamung und Anonymität brauchen wir dringend den Geist Gottes, der verbindet und Gemeinschaft stiftet. Der Heilige Geist ist ein großartiger Kommunikator, er ist das göttliche Dazwischen. Die Beziehung, die das Leben lebenswert macht. Er führt Menschen zusammen, er überwindet Grenzen und bildet Gemeinschaft. Die Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte – wir haben es in der ersten Lesung gehört - gibt dafür ein beredtes Zeugnis.

 

Vielleicht kann Pfingsten auch für uns ein Anlass sein, einem leisen Impuls des Heiligen Geistes zu folgen. Vielleicht können die Pfingstfeiertage eine Gelegenheit sein, dass wir uns vom Heiligen Geist sagen lassen: Melde dich doch wieder bei einem Menschen, mit dem der Kontakt abzureißen droht. Ruf an, mach einen kurzen Besuch; oder, wenn es eine Auseinandersetzung gegeben hat, reich doch du als erste, als erster die Hand und frag nach: Wie geht es dir? Das Miteinander, die Beziehungen machen unser Leben reich, nicht Technik und Wohlstand.

 

Aber nicht nur der Geist der Gemeinschaft und des Miteinanders ist wichtig, sondern als zweites Beispiel möchte ich den  Geist der Erkenntnis und der Wahrheit anführen.

Ja, uns stehen heute unauslotbare Datenspeicher und  Wissensmengen zur Verfügung, jede Minute wächst dieses Wissen, und KI eröffnet uns faszinierende, noch gar nicht auslotbare Möglichkeiten. Doch wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass mit diesen technischen Fortschritten  nicht automatisch ein ethischer Fortschritt einhergeht oder, dass diese Datenmengen einen Bildungsschub mit sich bringen.

Daten und Wissen reichen eben nicht aus. Es braucht heute mehr denn je Orientierung, damit wir Wahrheit und Lüge, Wichtiges und Unwichtiges, Gut und Böse in diesem Datengemenge unterscheiden können. Da hilft der Geist der Erkenntnis und der Weisheit wie ein innerer Kompass. Er bringt Orientierung in den Wissensdschungel, Herzensbildung in die Klugheit, er meldet sich in der leisen Stimme des Gewissens, wenn wir dabei sind unseren eigenen Wertekanon zu bilden. Wir brauchen ihn, den Geist der Weisheit, um nicht nur intelligent, sondern menschlich und gut zu sein. Wir brauchen ihn, den Geist der Erkenntnis, damit wir nicht nur viel wissen, sondern wirklich weise sind.

 

Pfingsten lädt uns ein, dass wir uns bewusst für den Heiligen Geist öffnen und ihm Raum geben im eigenen Leben. Wie geht das? Ganz einfach: Still werden, auf die Stimme des Herzens hören und merken, wie sich in dieser Stille und Offenheit und im Gespräch mit Gott, manches klärt. Und sich ein Weg als richtig und gut herausstellt.

 

Es ist wie damals in Jerusalem, als der Auferstandene durch verschlossene Türen zu den Aposteln gekommen ist. Der Geist Gottes will uns öffnen für sein Wirken. Der Auferstandene hat seine Freunde angehaucht. Der Atem von Ostern, der Atem der Auferstehung, das bringt Vergebung, Frieden und ermöglicht einen Neubeginn.

Diesen Hauch des Auferstandenen und auch den pfingstlichen Feuersturm von Hoffnung, Mut und Begeisterung erbitten wir heute für uns und unser ganz persönliches Leben, für unsere Kirche und für die Welt, die zwar großartig digital vernetzt ist, aber gleichzeitig auch gespalten und verfeindet. Wo Mächtige viele Milliarden in Rüstung investieren und gleichzeitig unzählige arme Menschen hungern oder verhungern und Gottes gute Schöpfung ausgebeutet und zerstört wird.

 

Liebe Schwestern und Brüder, Papst Leo XIII. und die industrielle Revolution, Papst Leo XIV. und die digitale Revolution. Die wahrhaft göttliche Revolution wirkt der Heilige Geist. Er will das Angesicht der ganzen Erde erneuern. Das heißt: menschlicher, friedlicher, hoffnungsvoller machen. Darum wäre es zu wenig, jetzt einfach ‚Amen‘ zu sagen.

Ich schließe meine Predigt heute bewusst mit einer Bereitschaftserklärung und sie lautet: Weil Pfingsten uns und unsere Bereitschaft braucht, sagen wir heute: Komm Heiliger Geist, erneuere das Angesicht der Erde und fange bei mir an.