Gibt es so etwas wie einen „Franziskus“-Effekt im Hinblick auf die Neueintritte ins Priesterseminar?
Tatzreiter: Im Herbst 2014 konnten wir uns im Wiener Priesterseminar über 6 Neueintritte freuen, heuer werden voraussichtlich – nach vorsichtiger Schätzung – wieder etwa 3 bis 4 Interessenten für den Ausbildungsweg in unser Haus aufgenommen. Im Blick auf die personelle Situation in den Priesterseminaren Österreichs verfolgen wir die Eintrittszahlen allerdings mit großer Sorge. Die ermutigende und freudvolle Weise, in der Papst Franziskus die Leitung der Gesamtkirche wahrnimmt, wirkt sicher geistlich und atmosphärisch positiv auf junge Menschen, sich auf den Ruf Christi einlassen und für ein Leben im priesterlichen Dienst entscheiden zu können. Das wird sich gewiss mit der Zeit auswirken. Mich persönlich freut, mit welcher Klarheit und Entschlossenheit Papst Franziskus die Priorität auf die Qualität der Priester setzt und immer wieder betont, dass ungeeignete Personen dafür konsequenterweise gar nicht zugelassen werden dürfen bzw. als Priester gegebenenfalls von der Ausübung entbunden werden sollen. Diese Vorgabe stärkt uns Vorsteher in unserer Verantwortung für eine entsprechende Ausbildung.
Wie ist die kirchliche Großwetterlage generell: Sorgen sich die Pfarren genug um, für die Priester, für Priesteramtskandidaten?
Tatzreiter: Mir scheint, dass es keineswegs allen in unseren Pfarren und Gemeinschaften klar ist: Zum Christ-Sein und gemeinsamen Kirche-Sein als „königliche Priesterschaft“ ist nach unserer Glaubensüberzeugung das Priestertum des Dienstes unentbehrlich. Dieser Dienst ist kein „amtliches Beiwerk“ und keine „fromm überhöhte Ausschmückung“, sondern er gehört zu unserer Identität als apostolischer Glaubensgemeinschaft. Ohne Priester, die sich in der Hirtensorge Jesu, des Herrn, um die Menschen kümmern, ihnen sein göttliches Wort bezeugen, ihre Einheit als Volk Gottes verbürgen und mit ihnen in den Sakramenten die Geheimnisse unseres Glaubens feiern, würde uns etwas Wesentliches fehlen: Die zuvorkommend und gegenwärtig erfahrene Hilfe Gottes, derer wir menschlich vermittelt bedürfen. Sich daher um ein Klima zu bemühen, in der geeignete Interessenten für diesen Dienst nicht abgeschreckt oder mit ihren Überlegungen allein gelassen, sondern besonnen begleitet und ermutigt werden, geht uns alle an. Darum müssen wir uns kümmern, soweit es an uns liegt. In unserer Zeit großer Verunsicherungen, gelobter und umstrittener Reformen braucht es aber vor allem eine klare Berufsperspektive, ein realistisches Profil – auch für den priesterlichen Dienst in der Kirche! Womit darf und muss jemand rechnen, der heute vor der Möglichkeit steht, sich für diesen Weg eines geistlichen Lebens zu entscheiden? Was ist Vorgabe und was ist je nach konkreter Aufgabe in der Ausübung dieses Dienstes gestaltbar? Und was gehört zum unberechenbaren Moment, zu den möglichen „Überraschungen Gottes“, die diesen Weg auszeichnen? Sein Leben dafür heute ganz zur Verfügung zu stellen, lohnt sich allemal – sage ich nach 20 Jahren Erfahrung in verschiedenen Aufgaben als Priester.
Welche Alumnen kommen heutzutage? Gibt es da Veränderungen in den letzten Jahrzehnten?
Tatzreiter: Unsere Seminaristen sind Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts – mit allem, was Menschen heute ausmacht. Die Bandbreite der Interessenten, die bei uns anklopfen, ist in jeder Hinsicht groß – das Panorama hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend geweitet: Alter, Herkunft, konkrete Biographie, Charakterzüge, menschliche und geistliche Prägungen, Begabungen, Neigungen und Schwächen. Darunter sind auch einzelne mit einer früheren Erfahrung als Ehemann und Familienvater. Als ich selbst Seminarist war (1988-1995), befand ich mich als jugendlicher „Frühberufener“ in bester Gesellschaft: Wir waren nach der Matura ins Seminar eingetreten und gegenüber einzelnen „Spätberufenen“, die sich reiferen Alters erfreuten, eindeutig die Mehrheit. Danach wendete sich das Blatt und ältere Männer mit zuvor ausgeübten Berufen und bisweilen komplexen Lebenswegen bildeten eine größere Gruppe im Seminar. Ich freue mich derzeit über eine gewisse Ausgewogenheit in der Altersstruktur unserer Hausgemeinschaft. Das gilt auch im Blick auf die Versammlung mit den Priesterseminaren von Eisenstadt und St. Pölten unter einem Dach: In dieser interdiözesanen Gemeinschaft prägt jeder Ein- und Austritt das Ganze, in dem wir Freud und Leid miteinander teilen, voneinander lernen, uns gegenseitig anspornen und herausfordern.
Kommt der Weg-Charakter der lebenslangen Ausbildung deutlich genug zum Ausdruck? Ein 35jähriger Priester (Jugend ...) macht oft anderes als ein 60jähriger (Dechant...)
Tatzreiter: Meiner Erfahrung nach besteht eine der größten Herausforderungen in der Gestaltung des konkreten Ausbildungsweges darin, einerseits den allen gemeinsamen Vorgaben und Zielen gerecht zu werden, andererseits aber die Individualität der Persönlichkeiten in Begleitung und Formung bestmöglich zu berücksichtigen. Ich betone immer wieder: die Fortbildung nach der Priesterweihe ist nicht weniger wichtig als die Ausbildung vor der Priesterweihe. Wir lernen ein Leben lang. Bildungs- und Belehrungsresistenz dagegen ist ein menschliches Übel: Wo immer es auftritt, auch unter Seminaristen und Priestern, verursacht es großen Schaden. Schon bei den Aufnahmeverfahren achten wir daher gewissenhaft darauf, ob sich jemand auf den konkret vorgesehenen Ausbildungsweg einlassen kann oder nicht. Kann ein Interessent es offenbar nicht, wird er nicht ins Priesterseminar aufgenommen.
Was wünscht sich ein Regens von den Mitbrüdern, von den Pfarren? Wo das Seminar doch das „Herz der Diözese“ ist (Zweites Vatikanum, Dekret für die Priesterausbildung, Nr. 5)
Tatzreiter: Da ich selbst nicht nur Regens, sondern auch Pfarrer einer kleinen, dörflichen Pfarre in Wien 21 bin, die sich mitten im diözesanen Reformprozess befindet, versuche ich Erwartungen in die jeweils andere der beiden Richtungen zusammenzuschauen: Die Ausbildung mit ihrer menschlichen, geistlichen, studienmäßigen und pastoralen Dimension und die konkreten Erfordernisse in der Seelsorge. Wir im Priesterseminar sind in jeder Hinsicht auf die Pfarren, die verschiedenen geistlichen Zentren und Gemeinschaften in unserer Ortskirche angewiesen, auf Sie alle, die Sie dieses Interview lesen – im Gebet für uns, in der Begleitung von Interessenten und Seminaristen, aber auch in finanzieller Hinsicht, denn Ausbildung mit Qualitätssicherung kostet auch Geld. Ich danke Ihnen für Ihre Verbundenheit mit uns und allen, die im Dienst der Priesterausbildung stehen und würde mich als Regens freuen, wenn wir in den kommenden 5 Jahren aus jedem Dekanat unserer Erzdiözese wenigstens einen geeignet scheinenden Interessenten in unser Priesterseminar aufnehmen könnten. Wen ruft Christus aus Ihrem familiären und geistlichen Umfeld, aus Ihrer Pfarre, aus Ihrem Dekanat? Wer könnte das bei Ihnen sein?
Wie viele Alumnen gehören zur Zeit dem Wiener Priesterseminar an?
Tatzreiter: Mit Stichdatum 07.06.2015 gehören 31 Seminaristen zum Wiener Priesterseminar, 2 weitere Seminaristen bilden wir als Gäste bei uns für andere Diözesen aus.