Die Reaktionen von Religionsvertretern nach den Landtagswahlen in den deutschen Bundesländern Brandenburg und Sachsen von Sonntag, 1. September 2019 sind von Bestürzung und dem Blick nach vorne geprägt.
Der Berliner katholische Erzbischof Heiner Koch rief zu Dialog und Zusammenarbeit auf. Ab sofort müsse es "wieder um die drängenden Themen gehen, wie den Strukturwandel in der Lausitz, den Fachkräftemangel, eine gute Bildung und eine Anpassung der Lebensverhältnisse in Stadt und Land", sagte Koch. Der Erzbischof warb dafür, parteiübergreifend nach Lösungen zu suchen: "Langwierige und eigensinnige Koalitionsverhandlungen schaden dem Ansehen der Politik und vor allem dem Land."
Vertreter des Judentums und Holocaust-Überlebende zeigten sich bestürzt über die Wahlergebnisse der AfD. In beiden Ländern setze sich "der Trend in die rechtsextreme und von Wut und Hass dominierte Welt der AfD fort", erklärte der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner. Wenn "mehr als jeder fünfte Bürger in dieser Richtung abbiegt, hat die Demokratie in Deutschland ein ernstes Problem", warnte er.
Laut vorläufigem amtlichen Endergebnis ist die AfD in beiden Ländern zweitstärkste Kraft: In Sachsen kommt sie demnach auf 27,5 Prozent (CDU: 32,1), in Brandenburg auf 23,5 Prozent (SPD: 26,2). Sie verzeichnete jeweils Stimmenzuwächse im zweistelligen Prozentpunktbereich.
Der Direktor der Katholischen Akademie der Diözese Dresden-Meißen, Thomas Arnold, sieht die Kirchen in einer wichtigen Rolle. "Kirche muss - trotz aller eigenen Strukturveränderungen - dort für die Menschen da sein, wo sie sich abgehängt fühlen, etwa im ländlichen Raum", sagte Arnold am Montag der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Wichtig sei vor allem, die Bürgerdialoge im Land fortzusetzen. "Wir brauchen diese Debatten über und für das Gemeinwohl. Das ist keine Aufgabe einer Regierung, sondern aller gesellschaftlichen Player im Land."
Zugleich betonte er: "Nicht an jedem dritten Gartenzaun steht bei uns ein Neonazi." Doch gebe es im Osten mit dem Jahr 1989 eine "ganz verstärkte Biografie-Bruch-Erfahrung". "Der Osten braucht kein Mitleid. Aber einen realistischen Blick, wertschätzende Kritik und den Mut, seine eigene Geschichte zu erzählen", sagte Arnold. "Ich glaube, wir müssen uns enorm bemühen, als Kirche Katalysatoren für diesen Dialog zwischen Ost und West, jung und alt, Stadt und Land zu werden."
Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bezeichnete die AfD-Ergebnisse als "erschreckend". Es sei schockierend, dass eine "so offen rechtsradikal, antidemokratisch und oft genug auch antisemitisch auftretende Partei" in beiden Ländern derart stark habe abschneiden können, erklärte Knobloch. Ein erheblicher Teil der Wähler habe, bis weit in die Mitte hinein, eine Partei gestärkt, "die unsere parlamentarische Demokratie erklärtermaßen gering schätzt".
Alle demokratischen Parteien müssten langfristig vor allem Wege finden, um denjenigen, die dieser Partei ihre Stimme gegeben haben, wieder ein überzeugendes Angebot zu machen und sie so ins demokratische Lager zurückzuholen. "Der Schockzustand am Abend der Wahl darf nicht der Normalzustand werden", sagte Knobloch.
Nach der Landtagswahl im deutschen Bundesland Sachsen haben die örtlichen Bischöfe zu verantwortlichem Handeln aufgerufen. "Allen gewählten Parlamentariern wünschen wir eine hohe Sensibilität für die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit, Sicherheit und einem gerechten Miteinander", heißt es in einer am Montag, 2. September 2019 in Dresden veröffentlichten gemeinsamen Erklärung des katholischen Bischofs Heinrich Timmerevers und des evangelischen Landesbischofs Carsten Rentzing.
Notwendig seien "Sacharbeit, politischer Diskurs, das Gespräch miteinander und die stete Bereitschaft, aufeinander zuzugehen". Die Bischöfe mahnten ausdrücklich, den Wählerwillen zu achten: "Unterschiedliche politische Überzeugungen sind zu respektieren, Fairness und Toleranz sind Tugenden, die unsere Gesellschaft - auch jetzt - braucht."
Zugleich appellierten sie an alle sächsischen Bürger, "in den kommenden Monaten die hohe Bereitschaft für ein gelingendes Miteinander fortzusetzen". Weiter hieß es in der Erklärung: "Weder die Freiheit noch die Verantwortung enden mit dem heutigen Tag bis zur kommenden Wahl. Demokratie braucht Menschen, die sie aus Überzeugung und mit großer Lebendigkeit gestalten - unter der Prämisse, das Beste für die Menschen in unserem Land und darüber hinaus zu wollen."