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21.09.2019

Das Päpste-Jahr 2013

Von Kardinal Christoph Schönborn, in der Zeitung Heute, Erinnerungen an das Jahr 2013.

Der 11. Februar 2013 ist mir unvergesslich. Gegen Mittag war ich im Naturhistorischen Museum, um die neugestaltete Abteilung über die frühen Menschen anzuschauen. Ich stand gerade vor einer Darstellung des Neandertalers, als mein Begleiter mir sein Handy zeigte: Papst Benedikt hat seinen Rücktritt angekündigt! Ich dachte zuerst, das muss ein Faschingsscherz sein, denn es war der Rosenmontag. Eine Stunde später stand ich am Stephansplatz für ein Live-Interview mit dem ORF. Es stimmte: Zum ersten Mal seit 700 Jahren erklärte ein Papst seinen Rücktritt. Die Nachricht wirkte wie ein Schock. Was hat den Papst aus Bayern, den ersten deutschen Papst seit fast 1.000 Jahren, zu diesem ungewöhnlichen Schritt veranlasst? Seine eigene Erklärung wirkte dann doch überzeugend und verständlich.

 

Am 2. April 2005 war der große Papst aus Polen, Johannes Paul II verstorben, nach einer der längsten Amtszeiten in der langen Geschichte der Päpste, knapp vor seinem 85. Geburtstag. Die letzten Jahre waren stark geprägt von seiner zunehmend schweren Parkinson-Erkrankung. Mit bewundernswertem Mut hat Johannes Paul trotz seiner Krankheit sein Amt wahrgenommen. Sein langes Leiden und sein Tod haben weltweit viele Menschen bewegt. Vier Millionen Menschen sind an seinem Sarg im Petersdom vorbeigezogen, um von ihm Abschied zu nehmen. Wer würde sein Nachfolger werden? Am Konklave durfte ich selber teilnehmen. Nach knapp 24 Stunden kam der weiße Rauch, der die Wahl des neuen Papstes ankündigte. Wir 115 wahlberechtigten Kardinäle hatten den damals 78jährigen Kardinal Joseph Ratzinger zum 265. Nachfolger des Apostels Petrus gewählt. Er nahm den Namen Benedikt an.

 

Mit Papst Benedikt verbindet mich eine lange Geschichte. Anfang der Siebzigerjahre habe ich bei Professor Ratzinger studiert. Als ich selber Theologieprofessor wurde, ergab sich eine langjährige Zusammenarbeit. Kardinal Ratzinger gehört für mich zu den ganz großen Gestalten der Geschichte der Theologie. Seine Klarheit, seine Tiefe, seine Verständlichkeit haben ihn zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Lehrer des christlichen Glaubens gemacht. Er, der immer gehofft hatte, sich wieder ganz dem Studium und dem Bücherschreiben widmen zu können, wurde plötzlich mit 78 Jahren in das höchste Amt einer weltweiten Kirche gewählt.

 

Am 11. Februar 2013 erklärte der damals fast 86jährige Papst, dass es ihm an der nötigen Kraft für sein Amt fehle. Sein Schritt des Rücktritts war mutig und demütig. Er hat gezeigt: auch der Papst ist nur ein Mensch! Es ist keine Flucht aus der Verantwortung, wenn ein Papst anerkennt, dass er den Anforderungen des Amtes nicht mehr gewachsen ist. Benedikt hat damit seine menschliche Größe gezeigt.

So traten die Kardinäle wieder zu einem Konklave am 13. März 2013 zusammen.

 

Auch dieses dauerte nur 24 Stunden. Die Wahl fiel auf Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien. Er wählte den Namen Franziskus, und er machte gleich klar, dass dieser Name für ihn Programm ist. Der erste Papst aus Lateinamerika kommt aus einem Kontinent, der weiß, was Armut bedeutet. Papst Franziskus machte vom ersten Moment an deutlich, dass das Evangelium, die Botschaft Jesu besonders den Armen gilt. Für mich war die Wahl von Papst Franziskus ein tiefes Erlebnis. Vor der Wahl hatte kaum jemand an den Kardinal aus Argentinien gedacht. Ich hatte ganz stark den Eindruck, dass der Heilige Geist uns deutlich gezeigt hat: Diesen sollt ihr wählen, diesen braucht die Kirche heute!

 

Unvergesslich bleibt, wie der neugewählte Papst auf den Balkon des Petersdoms trat und die Menschenmenge mit den schlichten Worte: „Buona sera“! „Guten Abend“! begrüßte. Einfach, direkt, menschlich, so erleben wir seither Papst Franziskus. Den großen Mercedes, der für ihn bereitstand, bestieg er nicht. Er kam zu uns in den Bus. Und bis heute wohnt er nicht in der päpstlichen Wohnung im Apostolischen Palast, sondern im Gästehaus des Vatikans. Dort begegnet man ihm in der Halle, im Lift oder im Speisesaal, wie er sich sein Abendessen beim Selfservice holt. Er will unter den Menschen sein.

 

Papst Franziskus hat von Anfang an klare Schwerpunkte gesetzt. Seine erste Reise in Italien unternahm er nicht an einen Wallfahrtsort, sondern auf die Insel Lampedusa, auf der zahllose Flüchtlinge landen, falls sie nicht vorher im Meer ertrinken. Seine erste Reise in Europa führte ihn nach Albanien, in das ärmste Land unseres wohlhabenden Kontinents. Papst Franziskus liebt starke Bilder. So wenn er sich von den Hirten der Kirche wünscht, sie sollen „den Geruch der Schafe“ haben.

 

Er wünscht sich eine „Kirche mit offenen Türen“. Ihm ist lieber „eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straße hinausgegangen ist“, als eine Kirche, die verschlossen und bequem ist und sich selber zum Mittelpunkt macht.

Ein Thema ist für Papst Franziskus brennender als viele andere: die Sorge um die Umwelt. Sein Schreiben „Laudato si“ über die Sorge für das gemeinsame Haus unserer Erde ist ein flammender Appell, die Verantwortung für die Schöpfung ernst zu nehmen. Für das Welt-Klima-Abkommen von Paris vom 12. 12. 2015 hat Franziskus sich mit aller Kraft eingesetzt. Heute wissen wir, wie dringend es geworden ist, die Ziele des Klimaschutzes zu erreichen. Im Oktober findet in Rom die große Amazonas-Synode statt. Der Papst will die Welt aufrütteln, die Lunge der Erde, das riesige Amazonasgebiet, vor der Zerstörung zu retten.

 

Zurzeit leben zwei Päpste im Vatikan: der emeritierte Papst Benedikt und der regierende Papst Franziskus. Der eine ganz zurückgezogen, der andere unermüdlich aktiv. Oft wird gefragt, wie die Beziehung der beiden sei. In der langen Geschichte der Kirche gab es immer wieder Gegenpäpste. Hier erleben wir ein anderes Bild. Der ehemalige und der jetzige Papst können nicht nur gut miteinander. Sie haben eines zutiefst gemeinsam: Für sie ist Papst-Sein ein Dienst für die Menschen. Da bleibt kein Platz für persönliche Eitelkeit. Deshalb strahlen beide eine so herzliche Freude aus.