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30.09.2019

Die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren

Sprachwissenschaftlerin Wodak warnt vor der angstmachenden Sprache und den einfachen „Lösungen“ der Populisten.

Zwei Berührungspunkte hat die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak mit der katholischen Kirche. Nach ihrer Sub-Auspiciis-Promotion (Lateinisch: „Promotio sub auspiciis Praesidentis rei publicae“, „Promotion unter den Auspizien des Bundespräsidenten“), die höchstmögliche Auszeichnung von Studienleistungen in Österreich, wollte sie Wissenschaftlerin werden, fürchtete aber, dass dies alles „zu abgehoben“ sei.

 

Daher wollte Wodak Sozialarbeiterin werden. „Ich habe dann sogar die Prüfung bei der Caritas in der Seegasse gemacht“, erzählt Ruth Wodak: „Dann erklärte man mir aber, dass ich überqualifiziert bin. Ich hatte ja schon ein Doktorat.“

 

Im Rahmen ihrer Habilitation hat sie das Kriseninterventionszentrum in Wien untersucht und sich mit therapeutischer Kommunikation beschäftigt. Wodak: „Da ging es darum, potentiell suizidgefährdeten Personen in sehr großen Krisen zu helfen.“

 

Ziel der Untersuchung war, ob man über die Analyse der Sprache feststellen kann, ob Menschen durch diese Therapie von ihrer Suizidabsicht absehen und mit ihren Problemen wieder besser zurande kommen.

 

Mit dieser Arbeit über „Das Wort in der Gruppe“ hat Wodak sich habilitiert und dafür auch den Kardinal-Innitzer-Förderungs-Preis ( 1980; Geisteswissenschaften) verliehen bekommen – der zweite katholische Berührungspunkt.

 

Wodak spricht am 23. Oktober in Wien bei den „Theologischen Kursenüber die „Verschiebung der Grenzen des Sagbaren“.

 

Warum gelang es rechtspopulistischer Politik in den vergangenen Jahren in Europa von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft zu rücken?


Spätestens seit den 1970-er Jahren gibt es rechtspopulistische bis rechtsextreme Parteien mit unterschiedlicher Größe und Stärke in Europa. Der Weg vom Rand in die Mitte der Gesellschaft erfolgte in den 90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

 

Entscheidend war 1989, der Fall des Eisernen Vorhangs, als Menschen aus Osteuropa nicht mehr als Flüchtlinge kamen, sondern als freiwillige Migrantinnen und Migranten. Das Reden darüber wandelte sich bald vom Mitleid hin zur Fremdenfeindlichkeit. Man wollte diese Menschen nicht.

 

Die Sprache war ähnlich wie jetzt bei den Flüchtlingen im Jahr 2015: Es waren junge Männer, sie wurden als bedrohlich wahrgenommen, man hat ihnen unterstellt, dass sie kriminell seien. Und dass sie allen die Jobs wegnähmen.

 

Schon in den 90-er Jahren gab es viel Angstmache. Aber gleichzeitig kam es relativ rasch zu einer Reaktion der Zivilgesellschaft. Wir erinnern uns an das Lichtermeer im Jahr 1993. Da kamen Hunderttausende auf den Heldenplatz und protestierten gegen eine fremdenfeindliche Politik.

    

Warum kommen die manchmal einfachen Antworten mancher europäischer und
internationaler Politiker offensichtlich gut an?


Sie tun so, als ob man globale und komplexe Probleme und Herausforderungen wie die Finanzkrise, die Klima-Krise, die weltweite Armut, den Terror und die Flüchtlingskrise einfach lösen könnte.

 

Vor allem Rechtspopulisten nützen die vorhandene Unsicherheit und Verunsicherung der Menschen aus. Natürlich muss die Politik Antworten auf Herausforderungen geben können. Dabei gibt es aber keine einfachen Lösungen.

 

Man kann aber so tun, als ob es einfache Lösungen gäbe, und man kann als Ursache für die Probleme Sündenböcke schaffen. Das ist ein „bewährtes Instrument“, auch die Nazis haben das bereits gemacht mit Jüdinnen und Juden und den Roma und Sinti, jetzt müssen Migrantinnen und Migranten und Flüchtlinge herhalten.

 

Man kann sich als Retter gerieren mit Aussagen wie „Make America great again“ und dass man alle Herausforderungen beispielsweise für das „eigene Volk“ in Italien, in Österreich oder in Ungarn bewältigen wird.


Sie beschäftigen sich ja in erster Linie mit der Sprache. Warum ist diese – gerade im politischen Diskurs – ein so sensibler Bereich, der missbrauchsanfällig ist?

 

Sämtliche Interaktionen, sämtliche Begegnungen passieren sprachlich, wobei ich Sprache weit fasse, sowohl mündlich als auch schriftlich, wie auch durch Zeichen. Alles, was Bedeutung mitträgt, ist Sprache. Auch Bilder sind Sprache.

 

In der Politik kann man Inhalte sprachlich über alle diese verschiedenen Kanäle vermitteln. Natürlich auch durch verschiedene Textsorten. In der Politik muss man verhandeln, Kompromisse schließen, Gesetze erlassen, all das sind sprachliche Handlungen.

 

Durch die Sprache können wir Menschen uns in Beziehung setzen mit Vergangenheit und Zukunft. Wir können uns Visionen ausmalen und die Vergangenheit interpretieren. Insofern ist Sprache ein gewaltiges Instrument, von Bild bis Text und Wort.

 

Sprache ist manipulierbar, man kann mit Sprache aber auch heilen.

 

Aber es gibt doch auch Grenzen...

 

In Österreich sind sie gesetzlich festgelegt. So werden die Verharmlosung des Holocausts strafgesetzlich geahndet, Nazi-Symbole ebenso wie Wiederbetätigung bzw. Verhetzung.

 

Um zu provozieren, loten manche Parteien die Grenzen des Sagbaren geschickt aus. Sie beleidigen nicht ausdrücklich bestimmte Menschen oder Minderheiten, sondern formulieren so, dass viele allein durch die Anspielungen das Indentierte verstehen. Das wird ausgelotet, weil man dadurch Schlagzeilen macht.

 

Das ist sehr durchschaubar: Wenn diese sogenannten Einzelfälle, die in Summe ein ganzes Muster ergeben, passieren, dann ist das schlagzeilenwürdig. Damit haben diese Leute genau erreicht, was sie wollten: Dass sie nämlich die Medien, alte wie neue, dominieren.

 

Ich bezeichne das als das populistisches „Perpetuum mobile“: Wenn man weiter provozieren will, muss es daher immer noch schlimmer werden, um die Aufregung am Köcheln zu halten. Wenn eine Provokation vorbei ist, dann kommt die nächste. Und letztlich reagieren die Medien nur mehr.

 

Von einer Empörung schwimmen wir zur anderen, wir sind ununterbrochen erregt. Man kann aber nicht ununterbrochen empört sein, man muss sich auch einmal erholen.   

 

Wie kann die Zivilgesellschaft auf etwaige Provokationen reagieren?

 

Man darf sich durch diese einfachen Lösungen nicht verführen lassen, man sollte mehr hinterfragen. Man soll genau zuhören und die Frage stellen: Was ist jetzt eigentlich gesagt worden?

 

Wir sollten alle immer einen Schritt zurückgehen und uns die Zeit nehmen, um nachzudenken: Was wollen uns Politiker mitteilen, was heißt das jetzt im Detail?

 

Das Zweite: Die Gesetze, die es gibt, die sollen auch angewendet werden. Es gibt genug klar definierte Gesetze, wie etwas das Verbots- oder auch das Wiederbetätigungs-Gesetz.

 

Viele trauen sich nicht, Anzeigen zu erstatten, weil das schnell mit „Das ist ja Sprachpolizei“ abgetan wird. Es wird nicht bedacht, wie Worte verletzen können.

 

Drittens: Man sollte seriösen Journalismus unterstützen, indem man dieser Beschleunigung nicht so nachgibt. Und sich nicht hertreiben lässt von dieser ständigen Skandalisierung und Erregung.