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24.10.2019

Mit Kardinal Schönborn bei der Synode in Rom unterwegs

Am Sonntag, 27. Oktober geht in Rom die Amazonas-Synode zu Ende. Unser Kollege Georg Schimmerl hat Kardinal Christoph Schönborn in Rom begleitet.

Der Tag in Rom beginnt beschaulich. Zumindest, wenn man früh genug aufsteht. Um Punkt 7 Uhr öffnen die Tore der Petersbasilika und eine Handvoll Pilger und Ordensleute strömen in die vermutlich berühmteste katholische Basilika der Welt.

 

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Etwas ungewohnt ist wohl der erste Eindruck: an den meisten der vielen Altäre feiern Priester einzeln und still die Heilige Messe. Wie von selbst, verfällt man in dieser Stunde kaum der Versuchung, sich wie ein neugieriger Tourist durch die Basilika zu bewegen. In einer der vielen Seitenkapellen feiert eine Gruppe Bischöfe gemeinsam die morgendliche Messe. Unter ihnen ist auch Kardinal Christoph Schönborn, der seit Anfang Oktober auf Einladung von Papst Franziskus an der Amazonassynode teilnimmt. Ich werde ihn in dieser Woche begleiten. Unser erstes Treffen ist zu Mittag unmittelbar vor dem Presse-"Briefing" geplant.

 

Als ich um 8 Uhr den Dom verlasse, ist der gesamte Petersplatz in ein atemberaubendes Licht gehüllt. So schwer es ist, sich von diesem Anblick zu trennen, sagt mir mein Verstand, dass ich gut daran tue, jetzt einmal ordentlich zu frühstücken. Mittlerweile hat sich längst eine Menschenschlange vor den Sicherheitskontrollen gebildet: Menschen buchstäblich aus "aller Welt". Ich sehe das nicht zum ersten Mal und trotzdem berührt es mich jedes Mal wieder und es kommt mir der Schlussvers aus Psalm 87 in den Sinn: "Von Zion wird man sagen: jeder ist dort gebürtig", oder freier übersetzt: "Jeder ist hier zuhause."

 

Frühstück oder kleiner Snack?

Rom wäre nicht Rom, wenn man nicht immer auch Überraschungen erlebt. Am Weg zum Frühstück klopft mir jemand auf die Schultern: ein alter Freund, Journalist in Rom. Er weiß natürlich, dass heute mittags Kardinal Schönborn beim Briefing in der Sala Stampa, dem Pressesaal des Vatikans sein wird.

 

Das Frühstück ist sehr "römisch". Mit anderen Worten: hierzulande ginge das maximal als ein "kleiner Snack" durch. Um 10.30 Uhr stehe ich tatsächlich, im übrigens sehr schlichten, Pressesaal. Der für Journalisten zugängliche Nebenraum ist längst voll mit Kollegen aus aller Welt. Der Großteil arbeitet, einige tauschen Neuigkeiten aus, die sie rund um die Synodenaula aufgeschnappt haben und entwickeln teils abenteuerliche Szenarien. Unterdessen bekomme ich per Email zunehmend Anfragen nach einem Interview mit "dem Kardinal". Kurz nach 12.30 Uhr kommt Kardinal Schönborn zu Fuß aus der Synodenaula und nimmt mich mit in den Besprechungsraum, in dem die gesamte Leitung des Pressesaals das Briefing kurz vorbereitet.

 

Der eigentliche Pressesaal ist unterdessen bereits randvoll. Die gesamte Konferenz wird zusätzlich von VaticanMedia über Youtube gestreamt.

 

Die Pressekonferenz beginnt

Gemeinsam mit Kardinal Schönborn berichten heute Domenico Pompili, Bischof der mittelitalienischen Diözese Chieti, die bis heute an den Folge des verheerenden Erdbebens von 2016 leidet, P. Dario Bossi ein italienischer Combinimissionar im Amazonasgebiet und vor allem auch Marcivana Rodrigues Paiva, die Verteterin der ethnisch Gruppe der "sateré mawé", ebenfalls aus dem Amazonas.

 

Kardinal Schönborn sieht das bereits im Vorfeld zum Teil heftig umstrittene Thema der Synode ganz auf der Linie, die Papst Franziskus seit dem Beginn seines Pontifikates verfolgt: Seine erste Reise innerhalb Italiens führte ihn bekanntlich nach Lampedusa, seine erste Reise in Europa nach Albanien. Es geht dem Papst, so der Kardinal, darum, den Blick dorthin zu lenken, wohin niemand schaut oder schauen will. Die Kirche, die Papst Franziskus vorschwebt, stellt sich wie Jesus auf die Seite derer, die unbeachtet, ungewollt und bedroht sind.

 

Dem Papst ist die Schöpfung ein Anliegen

Den zweiten Grund sieht Kardinal Schönborn in der Enzyklika Laudato sii‘ begründet. Dem Papst ist die Schöpfungsverantwortung der Kirche ein Herzensanliegen. Dabei geht es nicht um eine kirchliche Variante des Umweltschutzes, sondern um eine Fortsetzung der kirchlichen Soziallehre. Letztlich geht es um den Menschen, seine Würde, seine grundlegenden Rechte, seinen Lebensraum.

 

Und schließlich geht es auch um das konkrete kirchliche Leben, das im Amazonasgebiet vor vielen speziellen Herausforderungen steht. Der aus Österreich stammende frühere Bischof von Xingu im Amazonasgebiet, Erwin Kräutler, hat sich im Vorfeld der Synode sehr klar für die Weihe von verheirateten Männern zu Priestern („viri probati“) und vom Diakonat für die Frau ausgesprochen. Ein Teil der Synodenteilnehmer stimmt mit ihm darin überein. Und genau diese Fragen sorgen dafür, dass diese Synode von einem Teil der Kirche mit sehr viel Hoffnung, von anderen mit mindestens so vielen Ängsten beobachtet wird.

 

Priester für entlegene Gegenden

Kardinal Schönborn hat gerade dazu einige interessante Bemerkungen angebracht: Zum einen verwies er auf seine persönliche Erfahrung mit verheirateten Diakonen, die wertvolle pastorale Arbeit leisten. Wörtlich nannte er sie viri probati-Diakone und er vorgeschlagen, diese vom II. Vatikanum neu belebte Form des Weiheamts auch im Amazonasgebiet einzuführen. Zum anderen sprach er von einer ungleichen Verteilung der Priester weltweit und stellte die Frage, warum über 1.000 kolumbianische Priester in Amerika und Europa statt etwa im Amazonasgebiet tätig sind. Zugleich appellierte er auch an die Bischöfe in Europa, wieder verstärkt Priester für den Dienst in priesterarmen Gegenden zu entsenden und damit eine alte Tradition unter veränderten Bedingungen wiederzubeleben. Was das Weiheamt für Frauen angeht sieht der Wiener Erzbischof noch Bedarf an theologischer Klärung.

 

Die Stellungnahme von Kardinal Schönborn wird in Italien aber auch in amerikanischen Medien ausführlich aufgegriffen. Besondere Beachtung findet auch seine Antwort auf die Frage eines amerikanischen Vatikanisten, wie er die heftige Polemik gegen Papst Franziskus, die vor allem den Sozialen Medien verbreitet ist, sehe. "Ich bin alt genug", so die spontane Antwort von Kardinal Schönborn, "um mich an die heftige Kritik an Papst Paul VI zu erinnern. Ähnlich verhält es sich jetzt. Für die einen gehen die Reformen nicht schnell genug, für die anderen ist der Papst der Zerstörer der Kirche. In der Mitte zwischen den beiden Extremen steht der Papst."

 

Interviews mit Medien aus aller Welt

Das Briefing endet pünktlich und Kardinal Schönborn steht nun zahlreichen Journalisten aus Presse, Radio und Fernsehen, darunter auch einem Team des ORF zur Verfügung. Die Fragen aus der Aula wiederholen sich und in mindestens vier Sprachen führt der Kardinal seine Meinung vor allem zu den Themen Schöpfungsverantwortung und Amt in der Kirche aus. Der Ansturm ist gewaltig, die Sympathie für unseren Erzbischof geradezu überschwänglich und letztlich ist es nur der entschlossenen Durchsetzungskraft des Personals im Pressesaal zu verdanken, dass sich Kardinal Schönborn gegen 15.30 Uhr endlich etwas zurückziehen kann. Am späteren Nachmittag geht es für ihn ohnehin in den "circuli minores", so nennt man hier im Vatikan "Kleingruppen", weiter.

 

"Alle sind hier zuhause"

Jetzt am späteren Nachmittag ist der Petersplatz bevölkert wie an einem Festtag. Ein russisches Ehepaar verlässt plötzlich die Warteschlange und möchte partout mit dem Kardinal fotografiert werden. Sie betonen dabei ständig, dass sie gut orthodox sind. Nachdem ich sie zur Sicherheit gleich mehrmals mit dem Kardinal abgebildet habe und ihm weiter den Weg bis zum Eingang der Vatikanstadt bahne, fällt mir wieder Psalm 87 ein: "Alle sind hier zuhause."