Es ist ein „starkes Lebenszeichen für Amazonien und die Kirche“, betont Kardinal Christoph Schönborn und zieht ein positives Fazit über die zu Ende gegangene Amazonien-Synode in Rom.
Vom 6. Oktober bis zum 27. Oktober wurde auf Einladung von Papst Franziskus über die ökologischen und pastoralen Herausforderungen und Probleme in der Amazonien-Region gesprochen, debattiert und nach Lösungsansätzen gesucht.
Schönborn betont, dass von dem am Samstagabend verabschiedeten Abschlussdokument „starke Impulse an die Weltgemeinschaft“ ausgehen. Und zwar einerseits für den ökologischen Erhalt des Amazonas-Regenwaldes, der für das gesamte Weltklima wichtig ist. Und andererseits auch für den Schutz der dort lebenden Menschen.
Positiv bewertet unser Kardinal auch den Vorschlag der Synode, der einen Weg für den künftigen Einsatz von verheirateten Priestern skizziert. Als wichtigste Botschaft der Bischofsversammlung bezeichnete Schönborn aber „die Diagnose, dass das riesige Amazonien-Gebiet mit seinen Ressourcen, Bodenschätzen und Menschen sehr vernachlässigt ist.“
Mein erster Gedanke im Rückblick auf die jetzt abgeschlossene Synode ist eine große Dankbarkeit dem Papst gegenüber für diese Vision – oder wie er selber einmal gesagt hat – diese Intuition. Was steht dahinter?
Ich glaube, es sind vor allem drei Dinge:
Die letzte Wortmeldung in den Plenarsitzungen der Synode war die des berühmten Klimaexperten Hans Joachim Schellnhuber aus Berlin, der den Synoden-Teilnehmern in einer äußerst knappen Formulierung gesagt hat, worum es geht: Der Tod von Amazonien ist der Tod der Welt. Die Reaktion darauf war auch bei Mitbrüdern im Bischofsamt: Er übertreibt. Aber er hat gesagt, ich übertreibe nicht. Wir können es nicht beurteilen, aber eines ist sicher: Das Verschwinden dieser großen Waldreserven der Welt ist für das Weltklima eine ganz entscheidende Herausforderung.
Diese Frage zumindestens so ernst zu nehmen, dass man nicht daran vorbeikommt, das ist ein Ergebnis dieser Synode. Ob es gehört wird oder nicht, ist eine andere Frage.
Die Synoden-Teilnehmer haben ein nicht bindendes Abschlussdokument verfasst. Was wird der Papst jetzt daraus machen?
In seinen Schlussworten hat der Papst zu unserer aller Überraschung gesagt, er möchte bis Weihnachten, wenn er Zeit findet, sein nachsynodales Schreiben verfassen. Natürlich wird er sich dabei helfen lassen und sehr stark auf das Synodendokument zurückgreifen, wie er es bei seinen anderen Schreiben getan hat.
Auf jeden Fall möchte Papst Franziskus, wie schon bei den letzten Synoden, dass das Dokument veröffentlicht wird.
Wird die Synode auch Auswirkungen auf die Seelsorge bei uns haben – besonders wenn es um die Frage der „viri probati“ geht?
Wir haben seit über 50 Jahren verheiratete Männer, die Familie haben, die im Beruf stehen und die nach einer guten Vorbereitung zu Diakonen geweiht worden sind.
Die Synode sagt nun, dass in entlegenen Gebieten, in denen dringender Bedarf besteht, auf Bitten der Gemeinde mit Zustimmung des Bischofs – und wahrscheinlich auch mit Zustimmung Roms – bewährte Männer, also Diakone, auch zu Priestern geweiht werden können. Ich sehe darin eine wichtige Anregung: Benützt die Möglichkeit des Ständigen Diakonats. In manchen Teilen Amazoniens wurde diese Möglichkeit nämlich noch nicht wahrgenommen.
Eines ist aber ganz wichtig zu sagen: Die Grundform des priesterlichen Dienstes wird in der katholischen Kirche sicher die ehelose Lebensform sein. Dazu ist dieser Weg mit und trotz aller Schwierigkeiten unglaublich bewährt.
Hat etwas davon kurz-, mittel- oder langfristig auch Auswirkungen auf die Seelsorge bei uns in Europa?
Bei der Synode ging es grundlegend um Amazonien. Ich glaube nicht, dass wir in Europa in so einer Situation sind. Mit Hilfe unserer Mobilität haben wir die Möglichkeit, zu einer Eucharistie zu kommen. Und dort, wo keine Eucharistie gefeiert werden kann, werden auch heute schon Wort-Gottes-Feiern gehalten. Vorschnelle Schlüsse auf die gesamte Weltkirche zu ziehen, wäre deshalb eben vorschnell.
Wie kann man sich das Glaubensleben der Menschen in Amazonien vorstellen?
Viele haben gesagt, wenn man den Glauben der Leute kennen lernen will, muss man zu den Festen kommen. Vor allem ist eine große Marienverehrung typisch für die Region.
Eine große Herausforderung scheint auch, dass wir als katholische Kirche deutlich weniger Kraft entwickeln, als etwa die Pfingst-Kirchen. Die Pfingstler sind nämlich sehr flexibel, kommen selbst in die kleinsten Dörfer und sind dann bei den Menschen. Deshalb war ein Großthema der Synode die Frage nach einer Pastoral der Nähe und nicht nur einer Pastoral des Besuchens. Aber diese Frage stellt sich klarerweise bei uns auch. Und wir weichen ihr genauso aus wie ihr die Bischöfe in Amazonien ausweichen. Ich habe bei der Synode erstaunlich wenig darüber gehört.
Aber wenn es stimmt, dass mehr als die Hälfte der Christen in dieser Region inzwischen bei den Pfingstlern sind – manche reden von bis zu 80 Prozent – da muss man sich schon fragen: Wie sehen unsere neuen Wege der Pastoral aus?
Wie sehen diese Wege in Bezug auf die Rolle der Frau in der Kirche aus? Auch das war ja Thema bei der Synode.
Ja, die pastorale Rolle der Frauen ist ein wichtiges Thema auf der Synode gewesen. Da ist einerseits ein großer Dank ausgesprochen worden für das, was Frauen in der täglichen Pastoral in den entlegenen Regionen Amazoniens tun. Sie leiten vielfach die Gemeinden, sie taufen und machen Ehevorbereitung und Katechese.
Da gibt es die Bitte der Synode, diese Dienste kirchlich anzuerkennen, in der Form etwa der Akolythen und Lektoren, die als kirchliche Dienstämter existieren, aber immer noch laut dem Motu Proprio von Papst Paul VI. aus dem Jahr 1972 Männern vorbehalten sind. In Wirklichkeit üben nämlich überall auf der Welt Frauen diese Dienste bereits aus. Es war die Bitte an den Papst, dass das auch ausdrücklich ermöglicht wird. Der Wunsch der Synode ist zudem, mit einer vom Papst 2016 eingesetzten Kommission zum Frauendiakonat in Austausch zu treten.
Können Sie sich vorstellen, Priester aus der Erzdiözese Wien in die Amazonien-Region zu entsenden?
Wir haben einen sehr berühmten Bischof dort, einen österreichischen, Erwin Kräutler. Er ist seit 55 Jahren dort. Er hat sich auf der Synode – und das hat mich sehr gefreut – einer ganz großen Wertschätzung unter den Bischöfen und den Laien erfreut und wird als Pionier gesehen.
Missionarische Aussendungen einer Kirche sind immer ein Segen für die Ortskirche. Und wir müssen uns als Weltkirche die Frage nach einer gerechten Verteilung der Priester weltweit stellen. Also: Warum nicht?
Was hat Sie besonders berührt?
Ich habe versucht, in den Pausen nicht mit den Leuten zu reden, die ich eh schon kenne, sondern vor allem mit Laien-Teilnehmern aus Amazonien. Dabei habe ich sehr berührende Begegnungen gehabt.
Unvergesslich wird für mich das Gespräch mit einem Katechisten aus der Amazonas-Region in Ecuador bleiben, einem Vater von sechs Kindern. Inmitten der Spannungen und den Problemen seiner Region ist er mit seiner Geradheit und Klarheit für mich ein großes Vorbild.