Eigentlich wollte ich mich nur für ein paar Tage ins Wiener Kardinal König Haus in die „Stille in Wien“ zurückziehen. Daraus wurden 48 Stunden des Nachdenkens, des Meditierens und der inneren Sammlung.
Um 15 Uhr treffe ich im Kardinal König Haus ein. Ich bekomme den Schlüssel für das schöne Zimmer, parkseitig gelegen. Um 17.30 Uhr erhalte ich von Pater Josef Maureder SJ die notwendigen Informationen für die kommenden 48 Stunden.
Besonders für die drei „fixen“ täglichen Zeiten – Messfeier um 7.15 Uhr in der Kapelle, das Gespräch mit Pater Maureder und das Mittagessen um 12 Uhr.
Alle anderen „Termine“ wie Frühstück oder Abendessen darf ich individuell wählen. Mein „Dienst“ besteht dann darin, am dritten Tag das Essen aus der Bildungshaus-Küche zu holen und hernach wieder das Geschirr zurückzubringen. Beim schweigsamen Abendessen treffe ich auf ein Ehepaar und eine Ordensfrau. Auch sie machen „Stille in Wien“. Die Stille im Meditationsraum ist angenehm, ich blicke auf die kleine Ikone und schlafe fast ein im Sitzen.
Auf dem Zimmer packt mich dann Unruhe, denn die Stille ist für Ungeübte gar nicht so leicht auszuhalten. Ich bete die Vesper, das Abendgebet der Kirche, und lese ein paar Gedichte von Hilde Domin. Und ein paar Seiten in einem Buch über den heiligen Hieronymus, zur Ablenkung.
Als notorischer Frühaufsteher werde ich vom Handy-Wecker um 5 Uhr geweckt. Der Weg führt mich in die Küche, wo ich einen starken Kaffee koche und vor die Tür des Kardinal König Hauses gehe, um meine Morgen-Zigarette zu rauchen.
Dann bete ich auf dem Zimmer – wie täglich gewohnt – die Laudes, das Morgengebet der Kirche, und lese im Alten und Neuen Testament in der Bibel. Beim Gang in die Kapelle zur Morgen-Messe blicke ich aus dem Fenster auf den Künigl-Berg mit dem ORF-Zentrum. Irgendwie sind das zwei Welten – visuelle und akustische Dauerberieselung dort und die Stille hier bei den Jesuiten.
Beim Gespräch mit Pater Maureder betont er, dass ich „Entwicklung und Veränderung zulassen“ und „offen bleiben“ soll „für Neues, für Gottes Wirken in der Welt“. Er empfiehlt mir das Buch „Füttere den weißen Wolf“ von Ronald Schweppe und Aljoscha Long – Weisheitsgeschichten, die glücklich machen. Der schwarze Wolf steht für all das Negative, der weiße Wolf für das Positive. Es geht darum, öfters den weißen Wolf zu „füttern“.
Im herbstlich verfärbten Park bete ich den Rosenkranz. Schweigend nehme ich dann das Mittag- und Abendessen ein. Ich sitze im Meditationsraum, betrachte dann die Ikone „Christus, unser Erlöser“ am Gang, und spüre eine leise, wachsende Unruhe.
Die ungewohnte Stille, sie beginnt jetzt fast zu schreien. Still werden und still sein ist gar nicht so leicht. Ich lese im Hieronymus-Buch, bete die Vesper.
Wieder um 5 Uhr aufgestanden: Kaffee, Morgen-Zigarette, Laudes und Bibel-Betrachten, ein echtes Ritual. Bei der Morgenmesse trifft mich ein Wort aus dem Buch Nehemia (Kapitel 8, Vers 10): „Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“
Beim Gespräch erinnert mich Pater Maureder an drei „E“: „Entschleunigen“, also das (Lebens-)Tempo rausnehmen, „Entrümpeln“, also Ordnung schaffen und „Entlasten“, also Verantwortung abgeben. Ich bete meinen Rosenkranz in der Kapelle und gehe wieder in den Meditationsraum. Hier ist es noch stiller als im übrigen „Stille in Wien“-Bereich. Heute habe ich „Dienst“, ich hole das Mittagessen aus der Küche und bringe das leere Geschirr wieder zurück.
Gegen 15 Uhr gebe ich den Schlüssel ab und finde mich im (Verkehrs-)Lärm der Straßen vor dem Bildungshaus wieder. Die Stille, jetzt vermisse ich sie schon.