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10.12.2019

Sensibilisierung, Fachwissen und Sicherheit

Workshops für Gewaltprävention für alle in den Dienststellen unserer Erzdiözese

 

„In den verpflichtenden Workshops reflektieren die TeilnehmerInnen ihren Umgang mit Nähe und Macht und sollen so auf grenzverletzendes Verhalten sensibilisert werden. In einem solchen sensibilisierten und wissenden Umfeld fällt es grenzverletzenden Personen schwerer, übergriffig und belästigend zu sein“, sagt die Leiterin der „Stabsstelle Missbrauchs- & Gewaltprävention, Kinder- & Jugendschutz“, Martina Greiner-Lebenbauer, zum SONNTAG. Nur so kann Kirche zu einem „sicheren Ort“ werden.

 

„Die Workshops haben weiters das Ziel, dass alle MitarbeiterInnen wissen, was sie tun müssen bzw. nicht tun sollen, wenn sie eine irritierende Situation beobachten oder wenn ihnen eine solche erzählt wird“, unterstreicht Greiner-Lebenbauer.

 

Wie das konkret aussieht? „Das üben wir anhand von unterschiedlichen Fallgeschichten ein“, so Greiner-Lebensbauer: „Wichtig ist, dass alle MitarbeiterInnen die diözesane Ombudsstelle kennen und dadurch eine Kontaktaufnahme zur Meldung eines Verdachtes oder zur Beratung leichter fällt.“ Denn sexuelle Gewalt ist „nach wie vor tabuisiert und es ist notwendig, dass wir darüber zu reden beginnen, gemeinsam im Workshop und auch in den Dienststellen“.

 

Greiner-Lebenbauer: „Alle MitarbeiterInnen sollen auch über die Gewaltschutzarbeit der Erzdiözese informiert sein, damit sie auskunftsfähig gegenüber KundInnen oder auch im Privatbereich sind.“

 

Warum die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese Workshops besuchen? „Weil jede Mitarbeiterin/jeder Mitarbeiter (gemäß Rahmenordnung der katholischen Kirche in Österreich (,Die Wahrheit wird euch frei machen’) eine Verpflichtungserklärung unterschreiben muss“, sagt Matthias Theil vom Referat für Koordination & Dokumentation, der diese Workshops mitgestaltet.

 

„In der Erzdiözese Wien passiert dies – so wie in einigen anderen österreichischen Diözesen – erst, nachdem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem solchen Workshop nicht nur über die wichtigsten Punkte der Rahmenordnung informiert wurden, sondern sich auch persönlich mit dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven auseinandergesetzt haben.“

 

Das Ziel der Workshops, so Theil: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen in den Workshops sensibilisiert und befähigt werden über das Thema zu sprechen, sie sollen Fachwissen erhalten und sie sollen Sicherheit erlangen im Umgang mit einem Verdacht.“

 

Der SONNTAG hat einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Workshops befragt. „Dass ich mich selbst auch mehr sensibilisieren muss“, das hat Nora Blach (Sekretariat des Referates für Kirchenmusik) in diesem Workshop gelernt. Man müsse auch darauf achten, „dass die Wahrnehmung jedes Einzelnen, was Gewalt ist, sehr unterschiedlich ist und auch unterschiedlich empfunden wird“, betont Blach. Ob sie sich jetzt sicherer fühlt bei diesem komplexen Thema? Blach: „Sicherer kann ich nicht sagen, aber ich muss meine Wahrnehmung noch mehr schärfen. Man darf sich nie ,zu sicher’ sein.“

 

„Vor allem habe ich entdeckt, dass von Seiten der Erzdiözese wirklich viel im Bereich Gewaltprävention und Missbrauchsschutz getan wird und dass ich hier – entgegen meiner Vermutung - sicher nicht schon ,alles wusste’“, sagt Pater Thomas Figl C.O., Studentenseelsorger und Kirchenrektor, Katholische Hochschulgemeinde (Wien 8) zum SONNTAG.

 

„Im seelsorglichen Bereich ist es wichtig, auf das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu achten – wieviel Nähe ist gut, wieviel Distanz ist nötig?“, ist Figl überzeugt: „Es geht darum, die Menschen zu stärken – gerade auch auf ihrem Weg zu Gott.“ Er fühlt sich jetzt sicherer. „Ja, insofern ich jetzt nämlich weiß, wie in Zweifels- und Krisensituationen vorzugehen und wie das Subsidiaritätsprinzip gerade auch in diesem sehr sensiblen Bereich anzuwenden ist“, sagt Pater Thomas Figl.

 

„Wenn ein Verdacht auf Missbrauch oder Gewalt besteht, gibt es viele Stellen in und außerhalb der Erzdiözese Wien, an die man sich wenden kann. Betroffene zu ermutigen, die Ombudsstelle zu informieren“, all das hat Ursula Sirch (Sekretariat des Bischofsvikariats für die Kategoriale Seelsorge und die anderssprachigen Gemeinden) beim Workshop gelernt.

 

Besonders achten müsse man, dass „die natürliche Distanz gewahrt und die persönlichen Grenzen des anderen respektiert werden sollen“. Sirch: „Sollte es doch zu Übergriffen kommen – dem Gegenüber klarmachen, dass man es nicht will. Wenn man sich unsicher ist, ob es sich dabei um einen Missbrauch (Macht, körperlich, usw.) handelt – unbedingt die zuständigen Stellen kontaktieren und fragen.“

 

Ihr Resümee des Workshops: „Obwohl das Thema Gewaltprävention sehr komplex ist, hat der informative Workshop dazu beigetragen, dass ich mich jetzt sicherer fühle, beim Bekanntwerden von Verdachtsfällen/Missbrauchsfällen richtig zu handeln.“

 

„Aufmerksam sein“: Das hat Nikolaus Haselsteiner (Leiter des Projektbüros „Offene Kirchen“) besonders gelernt im Workshop. „Vom normalen Gespräch, wo man spüren muss, welche Nähe oder Distanz der andere braucht bis hin zu den Anzeichen, dass da wohl was nicht stimmt und wohin man sich mit diesem Gefühl hinwenden sollte“, erläutert er. Worauf muss man in diesem Zusammenhang besonders achten?

 

„Es beginnt im Alltag, meist erlebt man zum Glück ja keinen sexuellen Missbrauch, aber wie schnell kann ein Gespräch übergriffig werden“, erzählt er: „Also dort, wo man selbst die ,Autorität’ ist, muss man sie demütig einsetzen, etwa als Elternteil oder Projektverantwortlicher.“ Haselsteiner fühlt sich jetzt „durchaus“ sicher. „Weil ich darf mich mit meiner Unsicherheit immer gleich an die Ombudsstelle oder die Stabstelle wenden“, sagt er: „Die schauen mit mir gemeinsam auf die Situation, das nimmt viel Druck von einem, ob man sich richtig verhält, ob man die Mücke zum Elefanten stilisiert.“