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10.01.2020

Nahost-Krise: Christen im Irak in großer Sorge

"Wir bekommen einen Krieg ins Haus, den niemand will".

Unter den Christen im Irak herrscht angesichts der Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Iran nach der Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani nach wie vor große Sorge. P. Paul Mekko, chaldäisch-katholischer Pfarrer der Kleinstadt Karamles in der nordirakischen Ninive-Ebene, berichtete der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR, dass jetzt die größte Angst die Ungewissheit sei; niemand wisse, was noch alles passieren könne. "Es ist eine Angst, die blockiert", sagte der Priester.

 

Ein Ziel der iranischen Vergeltungsangriffe nach der Tötung Soleimanis war eine Militärbasis bei Erbil. In der Metropole gebe es nach wie vor viele Christen, die 2014 nach dem Überfall der IS-Milizen aus der Ninive-Ebene geflüchtet sind und jetzt darauf warten, dass sie in ihre zerstörten Heimatdörfer und -städtchen zurückkehren können, um sie wieder aufzubauen, schilderte Mekko. Dass der Irak ein Schlachtfeld zwischen den USA und dem Iran wird, sei die Hauptsorge der Leute: "Wir bekommen einen Krieg ins Haus, den niemand will".

 

Irak wird von Stellvertreterkriegen zerrissen

Der Albtraum vieler Iraker - nicht zuletzt der Christen - sei es, dass ihr Land im Konflikt zwischen den USA und dem Irak zerrieben wird. Der Priester erinnerte daran, dass im Irak seit dem Oktober des Vorjahrs protestiert wird, weil die Menschen "Reformen und Veränderung wollen, das Ende der Korruption, bessere Lebensbedingungen und die Respektierung ihrer Rechte". Diese Proteste würden nicht aufhören, "das Volk weiß, was es will, sicher nicht den Krieg".

 

Vor einer weiteren Eskalation warnte auch die Erzdiözese Erbil der mit Rom verbundenen chaldäischen Kirche in einer offiziellen Erklärung. Die gegenwärtigen Spannungen bedrohten die zerbrechlichen Gemeinschaften dort, die "des Kriegs und seiner tragischen Konsequenzen müde" seien, zitierte das arabische christliche Nachrichtenportal "Abouna".

 

Der Irak werde seit Jahrzehnten von Stellvertreterkriegen zerrissen. Statt "endloser Kollateralschaden" zu sein, bräuchten die Menschen "Gewissheit, Sicherheit, Hoffnung und den Glauben daran, dass der Irak ein friedliches Land zum Leben ist". Die internationale Gemeinschaft müsse dringend ihren Einfluss geltend machen, die Spannungen abzubauen.

 

"Ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch"

Chaldäer-Oberhaupt Kardinal-Patriarch Louis Raphael I. Sako hatte schon zu Wochenbeginn gewarnt, dass der Irak und die Region "ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch" seien. Als besonders gefährlich beschrieb Sako am Hochfest Epiphanie in seiner Predigt in der Josephskathedrale in Bagdad das Fehlen von Weisheit und eines Verantwortungssinns zusammen mit emotionalen und impulsiven Entscheidungen. Er rief die Weisen der Welt dazu auf, eine weitere Eskalation zu verhindern, für die andernfalls Unschuldige bezahlen müssten. Christen und Muslime forderte er auf, für ein weises Handeln der Entscheidungsträger zu beten.

 

Seine tiefe Sorge brachte auch der Erzbischof von Erbil, Bashar Warda, zum Ausdruck. Die derzeitige Situation bedrohe das "delikate Gleichgewicht", in dem das irakische Volk lebe, das nach Jahrzehnten des Krieges der Leiden überdrüssig sei, sagte er im Gespräch mit dem Pressedienst des Hilfswerks "Kirche in Not". Die religiösen Minderheiten wie Christen, Jesiden und Mandäer seien dabei noch mehr gefährdet, weil ihre Gleichberechtigung noch immer nicht durchgesetzt sei.

 

Die Christen hätten vor allem die Befürchtung, dass sie auf Grund der in der Bevölkerung weit verbreiteten Gleichsetzung von "Christentum", "Westen" und "Vereinigte Staaten" wieder zur Zielscheibe von Attacken werden. Nach wie vor werde den Angehörigen der muslimischen Mehrheit zudem in verschiedenen Bereichen eingeredet, dass sie "besser" seien als die Christen oder Angehörige anderer religiöser Minoritäten, bedauerte Erzbischof Warda: "Wir Christen sind ein leichtes Ziel und wer uns attackiert, bleibt zumeist straflos."