Der Vatikan will einen Ethik-Leitfaden zum Thema "Künstliche Intelligenz" (KI) erarbeiten. Zu diesem Zweck veranstaltet die Päpstliche Akademie für das Leben ab Mittwoch einen Workshop mit Hunderten Experten und Unternehmern aus aller Welt zum Thema "Guter Algorithmus?". Die Unterzeichnung des gemeinsamen Aufrufs, der nicht zuletzt die großen Technologiekonzerne für eine ethische Selbstverpflichtung gewinnen soll, ist für Freitag geplant. Im Anschluss soll das Dokument mit dem Titel "Rome Call for AI Ethics" Papst Franziskus vorgelegt werden, wie der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Vincenzo Paglia, am Dienstag, 25. Februar 2020, angekündigte.
"Wir brauchen starken moralischen Ehrgeiz, um die Technik zu humanisieren, statt das Menschliche zu vertechnischen", betonte der Erzbischof vor Journalisten. Der Ethik-Kodex sei zwar kein offizielles Vatikandokument, solle aber mögliche Grundzüge für eine Ethik der KI beschreiben. Es gehe der Akademie dabei "nicht um Partnerschaften mit der Industrie oder um Sponsoring, sondern um die Entstehung einer Bewegung, die sich ausweiten soll auf öffentliche Institutionen sowie NGOs", versicherte Paglia. Zu den Erstunterzeichnern sollen am Freitag auch Microsoft-Präsident Brad Smith und IBM-Vizepräsident John Kelly zählen.
"Wir erleben eine Zeitenwende", so der Erzbischof, und weiter: "Die Menschheit und ihre Zukunft ändern sich gerade grundlegend. Zum ersten Mal in der Geschichte hat der Mensch die Fähigkeit, sich selbst zu zerstören: einmal durch die Atombombe, dann durch die ökologische Explosion und jetzt durch die technologische - durch die Explosion der Intelligenz, sozusagen."
Während des Workshops werden der japanische Stammzellforscher und Nobelpreisträger Shin'ya Yamanaka sowie der frühere italienische Bildungsminister Francesco Profumo die Hauptreferate halten. Aus Deutschland nimmt der Sozial- und Medienethiker Alexander Filipovic teil, der auch als Sachverständiger der Enquete-Kommission zum Thema KI im Bundestag angehört.
Die Unterzeichnung des Ethik-Leitfadens sei nur der Anfang, kündigte Erzbischof Paglia an. In den nächsten Wochen und Monaten sollen weitere Organisationen, Unternehmen und Gruppen in die offene Initiative eingebunden werden. Gemeinsam wolle man der Gesellschaft eine mögliche Richtung für den künftigen Umgang mit KI weisen. Denn sie greife schon jetzt im Gesundheitswesen um sich, und die Tendenz werde sich noch verstärken. Das wiederum habe Folgen für "die Pflege und den Schutz des Lebens" - und damit auch für die Päpstliche Akademie für das Leben, wie dessen Präsident unterstrich.
Der Geistliche Paolo Benanti von der Akademie für das Leben sprach bei dem Pressetermin am Dienstag gar von einer "vierten industriellen Revolution". So diene KI nicht zu etwas Bestimmtem, sondern ändere "alles, was wir tun, von Grund auf". "Künstliche Intelligenz wird zwar nicht die Apokalypse herbeiführen, aber sie kann das Ende der Mittelklasse bedeuten", befand der Experte.
Auch Fragen nach Sicherheit und Konsequenzen stellten sich durch KI, meinte Benanti. So könne man zwar mit einem Computer menschliche Probleme in Statistiken, Grafiken und Gleichungen verwandeln. Jedoch erschaffe man dadurch die Illusion, dass "diese Probleme sich auch per Computer lösen ließen. Aber so ist es ja nicht", so der Referent.