Die seit März andauernden Beschränkungen im religiösen Leben aufgrund der Corona-Pandemie haben in den katholischen Pfarren viele Gewohnheiten verändert - und könnten auch über die aktuelle Krise hinaus zu einem grundlegenden Wandel führen: Diese Einschätzung hat der Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky am Donnerstag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress geäußert. "Es wird sich etwas ändern. Bei neuen Vorschlägen kam bisher oft der Satz: 'Das geht nicht', und dann auf die Nachfrage, warum: 'Das war schon immer so'. Jetzt aber erleben die Menschen: Es ist plötzlich ganz anders - und geht trotzdem. Diese Erfahrung wird bleiben."
Besonders die Gepflogenheiten wie Gottesdienste gefeiert werden, seien von diesem Wandel betroffen, so Turnovszkys Eindruck. "Man ahnt und atmet eine weit größere Gestaltungsfreiheit als es sie bisher gab, da wir gewissermaßen von der Stunde Null starten. Es gibt ja momentan gar keine öffentlichen Gottesdienste." Eingehender als bisher werde man sich in der Kirche wohl in Zukunft "überlegen, wie man Feste liturgisch feiern möchte".
Die ab 15. Mai geltende Öffnung der Gottesdienste, beschränkt auf eine Person pro zehn Quadratmeter Kirchenraum, begrüßte Turnovszky ausdrücklich. Dennoch stünden die Pfarren vor vielen Herausforderungen: "Viele Fragen sind zu klären, wie etwa: Wer darf Messe mitfeiern und wer nicht? Wie gestalten wir den Gottesdienst so, dass möglichst viele mitfeiern können, ohne sich anzustecken? Fantasie wird nötig sein, etwa um große Kirchen oder Werktagsmessen besser zu nutzen", sagte der Bischof. Er hoffe auch auf erweiterte rechtliche Möglichkeiten, Freiluftmessen oder Prozessionen mit mehr als zehn Personen - freilich unter Wahrung des Sicherheitsabstands - zu veranstalten.
Telefonische Aufmerksamkeit
Als Bischofsvikar ist Weihbischof Turnovszky auch für das Vikariat "Unter dem Manhartsberg" der Erzdiözese Wien verantwortlich, das Pfarren im Weinviertel und im Marchfeld umfasst. Unter den Priestern der Region, mit denen er in regem Kontakt stehe, sei ebenfalls Erleichterung über die schrittweisen Lockerungen im nun bald zweimonatigen "Corona-Modus" zu spüren, sagte Turnovszky. Die meisten von ihnen seien mit den vergangenen Wochen relativ gut zurechtgekommen, so der Eindruck des Weihbischofs. Weil für Priester ein großer Teil der "Routineaufgaben" wie etwa Seelsorgegespräche, Sitzungen und Planungstreffen sowie natürlich viele liturgische Feiern wegbrachen, hätten viele "Altlasten aufgearbeitet": So manche Pfarrchronik und so manches Pfarrarchiv sei dabei auf Vordermann gebracht worden.
Um mit den Priestern auf Draht zu bleiben, hatten Turnovszky und der Wiener Generalvikar Nikolaus Krasa gleich zu Beginn der Corona-Zeit eine Telefonkette gestartet. Wöchentlich kontaktiert der Bischof dabei jeden der 16 Dechanten des Weinviertels, welche wiederum wöchentlich alle Pfarrer und Vikariatsräte in ihrem Dekanat anrufen. "Auch die Pfarrer sind angehalten, jede Woche mit mindestens zehn Menschen ihrer Pfarre - mit den Hauptamtlichen, besonders aber auch mit den Pensionisten - Telefonkontakt zu halten. Wir hoffen, damit den Menschen näher zu sein und auch die Einsamen zu erreichen", erklärte der Weihbischof.
Über Einsamkeit aufgrund der bisherigen Versammlungs- und Ausgangsbeschränkungen habe bisher keiner der Priester geklagt, "wohl aber ist fast allen das Alleinsein unangenehm oder geht auf die Nerven", schilderte Turnovszky die eingesammelten Erfahrungen. "Beziehungsarm" seien die zölibatär lebenden Geistlichen auch jetzt nicht, "die Seelsorge läuft bei vielen jetzt einfach mehr als sonst über Telefon, E-Mail oder Videokonferenzen". Am Selbstbild nage die Situation am ehesten bei jenen Priestern, die sonst in Spitälern Seelsorge betrieben, was derzeit aber verboten ist; auch die Situation jener Priester, die an verschiedenen Krankheiten leiden oder hochbetagt sind und daher bisher noch keine Besuche empfangen können, bereitete ihm Sorgen, erklärte Turnovszky.
Livestream nicht angewöhnen
Die meisten Sakramente werden derzeit nicht gespendet. Priester sollten aber täglich alleine die Heilige Messe feiern, lautete ein Aufruf der Erzdiözese Wien von Mitte März. Darauf beschränkt zu sein, sei auch für ihn schwierig, bekannte Turnovszky. "Es fehlt etwas Wesentliches, weil die Messe auf Leiblichkeit angelegt ist und neben Brot und Wein auch die Mitfeiernden eine ganz zentrale Bedeutung haben. Vor dem Gottesdienst vergewissere ich daher immer, für wen ich dies tue, um so Verbindung mit der großen Kirche zu haben."
Turnovszky feiert derzeit täglich von Montag bis Samstag abwechselnd mit Kardinal Christoph Schönborn in der Andreaskapelle des Wiener Erzbischöflichen Palais um 8 Uhr die Morgenmesse, die auf
www.youtube.com/ErzdiözeseWien live übertragen wird. Das Angebot an Gottesdienst-Streaming sei allgemein gut, seine Freude darüber dennoch geteilt, sagte der Weihbischof: "Es kann Menschen auch verführen, die Mitfeier daheim vor dem Bildschirm zur Gewohnheit zu machen." Auf Dauer sehe er dies als problematisch, fehlten hier doch die "reale, physische Gemeinschaft, aber auch die Aufmerksamkeit, für die der Kirchenraum wie auch die Anwesenheit der anderen Betenden eine Hilfe sind", so der Bischof. Er sei jedoch zuversichtlich, dass bei den Gläubigen die "Sehnsucht nach echten Begegnungen, authentischer Liturgie, physischer Gemeinschaft und Empfang der Kommunion" nicht verloren gehe.
Viel Kreativität freigesetzt
Im Zuge der Krise sei jedoch genauso eine "enorme Fantasie und erstaunliche Ideen, wie die Seelsorge weitergehen kann" freigesetzt worden, berichtete der Weihbischof. Neben den Streaming-Angeboten von Gebeten und Gottesdiensten oder den Videokonferenzen mit den Pfarrmitarbeitern zähle er hier auch die vielen nicht-technischen Lösungen hinzu: "Zu Ostern gab es in vielen Pfarren Osterratschen vom Balkon, oder ein Priester unserer Diözese lud zur Beichte auf einem Parkplatz ein. Die Gläubigen blieben dabei im Auto, wobei das Sündenbekenntnis wie auch die Lossprechung durch den Fensterschlitz stattfand", berichtete Turnovszky. Häufig würden Priester zudem Material für das Gebet und die Gottesdienst-Feier zuhause in den Kirchen auflegen.
Besonders inspirierend sei für ihn auch die Initiative eines Priesters, der als Antwort auf die Corona-Krise mit regelmäßigen Bittgängen zu einem im Pfarrgebiet befindlichen Bildstock begann und davon jedes Mal ein Foto postet. Turnovszky: "Er gibt mit seiner Wallfahrt den Menschen das Signal: Ich habe für euch gebetet - und ihr könntet auch selbst auf diese Idee kommen." Mit Erfolg, wie der Bischof berichtete: In der betreffenden Pfarre habe sich in Folge eine regelrechte "Marterlgeh-Bewegung" entwickelt.
Aus der Not eine Wallfahrt machen
Dass er als Weihbischof über keine eigene Domkirche verfügt, nahm der wanderfreudige Bischof als Anlass für einen Vorsatz: Er werde in den nächsten Wochen und Monaten die Wallfahrtskirchen seines Vikariats aufsuchen - "im Mai zu Marienorten, um dort Maiandacht zu halten", kündigte Turnovszky an. Er wolle damit "sicht- und erlebbar machen, dass gemeinsames Feiern - wenn auch im kleinsten Kreis - und das freie Bewegen nun wieder möglich ist", weiters auch den Gläubigen mit den Besuchen Mut machen, "und natürlich die Muttergottes um Fürsprache bitten", so der Bischof.
Den Auftakt machte Turnovszky vergangenen Sonntag in Kettlasbrunn (Bezirk Mistelbach), wo eine dem Seuchenpatron Sebastian geweihte Wallfahrtskirche steht. Beeindruckend sei, dass die dortige Ortsbevölkerung ihr im Jahr 1614 getätigtes Gelöbnis weiterhin aufrechterhalte, berichtete der Bischof: "Man gelobte in der damaligen Pest, den Sebastianitag für alle Zeiten als Bet-, Buß- und Fasttag und den darauffolgenden Sonntag als besonderes Fest zu feiern." Dies geschehe weiterhin sogar mit Beteiligung des Bürgermeisters, zudem hätten auch andere Pfarren die im 17. Jahrhundert begonnenen Wallfahrten zum Pestheiligen von Kettlasbrunn in jüngsten Jahren wieder revitalisiert.