Die Corona-Pandemie und der damit einhergehende pfarrliche Shutdown haben zwar keine "spirituellen Folgeschäden" bei Gläubigen mit sich gebracht, jedoch gezeigt, dass es der Kirche an Präsenz in der Gesellschaft und an Lebensrelevanz in der Verkündigung mangelt.
Zu diesem Fazit kommt
Josef Grünwidl, Dechant und Pfarrmoderator in Perchtoldsdorf und Gießhübl (Erzdiözese Wien), in einem im Blog "theocare.network" veröffentlichten Beitrag. Die Kirche wie auch das Hirtenwort der österreichischen Bischöfe zum Pfingstfest hätten während der Corona-Krise kaum Gehör in der breiten Öffentlichkeit gefunden, beobachtete der Theologe. Die Kirche müsse die Corona-Krise nun aktiv als Neustart nutzen, so Gießhübl: "Es ist Zeit, in eine geistvoll erneuerte Normalität aufzubrechen."
Kritisch betrachtete der Theologe u.a. "das Hamsterrad des Pfarrbetriebs", das es zu hinterfragen gelte. Pfarrroutine und Angebote für eine überschaubare kleine Zielgruppe würden viele Ressourcen binden, was dazu führe, dass kaum noch Energie für Seelsorge oder Neues bleibe. Hier müsse auch die Frage, ob Pastoral nicht weniger "Pfarrbetrieb und mehr Spiritualität" brauche, gestellt werden, so der Priester.
Positiv bewertete der Theologe, dass in den vergangenen Wochen der Covid-19-Krise Pfarren "erstaunliche Initiativen entwickelt, Neues probiert und Eigenverantwortung übernommen" hätten. Jedoch zeige sich nun nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen, dass das pfarrliche Leben nur langsam wieder beginne. Zudem kämen "zu den Kirchenbänken, die schon vor der Pandemie leer blieben", noch einige dazu.
Notwendigkeit eines Strukturwandels
In Anlehnung an die österreichischen Bischöfe und deren Pfingst-Hirtenbrief forderte Grünwidl eine
"erneuerte geistvolle Normalität". Diese sei jedoch nicht nur im Blick auf Politik, Wirtschaft und Gemeinwohl erforderlich, sondern "zuerst im eigenen Haus, in der Kirche".
So dürfe es kein "Zurück in die alte pfarrliche Normalität" geben. Der Pfarrer regte zu Fragen an wie: "Wo gibt es in unseren Gemeinden Lernorte des Gebets? Finden Suchende bei uns Aufnahme und Hilfe? Befähigen wir Menschen dazu, das gemeinsame Priestertum zu leben, zu segnen und zu feiern, oder fördern wir durch unseren Pfarrbetrieb bei den Gemeindemitgliedern Versorgungsdenken und Konsumentenhaltung?"
Die Notwendigkeit eines Strukturwandels zeige sich laut dem Theologen darin, dass die Einstellung der Pfarraktivitäten von Mitarbeitern teils sogar "als wohltuend" erlebt worden sei. "Was die Menschen wirklich vermissten, waren nicht so sehr Pfarrveranstaltungen, sondern die gemeinsamen Gottesdienste und die Feier des Osterfestes", schreibt Grünwidl im "Corona-Blog" der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
Das Pfarrleben sei jedoch nicht "abgeschaltet" gewesen, es habe sich lediglich verlagert, stellte Grünwidl klar. So hätten Streaming- und TV-Gottesdienste, pfarrliche Internetangebote und Gottesdienstmodelle für die Hauskirche vielen Gläubigen in der "schwierigen Zeit" geholfen. Die Angebote bezeichnete er jedoch als Notlösung, die "die gemeinsam gefeierte Liturgie nicht ersetzen. Das gilt auch für die Hauskirche."
"Spuren hinterlassen" habe auch der verordnete Verzicht auf soziale Kontakte, so Grünwidl. So werde ein Teil der Kerngemeinde künftig seltener oder nicht mehr in der Pfarrgemeinde sichtbar sein, prognostizierte der Theologe. Und auch wenn der Wert von Religion und Kirche nicht mit dem während der Corona-Krise oft verwendeten Begriff "systemrelevant" gemessen werden könne und dürfe, bleibe ein bitterer Nachgeschmack: "Offensichtlich sind Baumärkte wichtiger als Kirchen." (Link:
https://theocare.wordpress.com)