Rassismus macht auch vor Kirchentüren nicht Halt und der Kampf gegen Rassismus ist deshalb auch kein Nebenschauplatz des christlichen Glaubens, sondern: "Rassismus ist ein genuin theologisches Problem." Das betonte die Pastoraltheologin Prof. Regina Polak in einem aktuellen Beitrag auf dem
Blog des Wiener Instituts für Praktische Theologie. Und sie wies darauf hin, dass vom strukturellen Rassismus auch jene profitieren, die persönlich keine rassistischen Einstellungen haben. Fazit der Theologin: Moralische Appelle reichen nicht aus. "Wer Rassismus bekämpfen will, muss sich für mehr Gerechtigkeit und Teilhabe aller Glieder einer Gesellschaft engagieren."
Polak verwies in ihrem ausführlichen Beitrag u.a. auf den katholischen US-Theologen Jon Nilson. Für diesen ist Rassismus mehr als eine Sünde und mehr als ein ethisches Problem, das Verhaltensveränderung erfordere. Rassismus sei vielmehr eine Ablehnung des christlichen Glaubens in seinem innersten Kern. Denn "Rassismus leugnet jenen Gott, den die Bibel bezeugt." Rassismus ist gemäß Nilson eine Häresie, "weil er den Ursprung jedes einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit in Gott negiert und damit die Gleichheit aller Menschen ebenso ablehnt wie den Einsatz für eine gerechte Gesellschaftsordnung".
Deshalb müsse sich jeder Mensch, der sich als Christ bezeichnet, dem Phänomen des Rassismus stellen; und zwar nicht nur als einem äußeren Problem der Gesellschaft, sondern als "Versuchung und Realität, die die Kirche in ihrem Inneren betrifft". Nilson: "Der Rassismus macht nicht vor den Kirchentüren halt."
Diese Erkenntnis verbinde der US-Theologe mit der Aufforderung, sich auch mit der Vorherrschaft der Weißen in Gesellschaft und Kirche auseinanderzusetzen. Dazu bedürfe es des Dialogs mit jenen Menschen, die von Rassismus betroffen sind.
Wissenschaftlich-politisches Ordnungskonstrukt
Rassismus sei kein Resultat der Tatsache, dass es Menschen verschiedener Hautfarbe gibt, auf die man dann mit einer angeblich "angeborenen" Fremdenangst reagieren "müsse", so Polak. Es handle sich vielmehr um ein wissenschaftlich-politisches Ordnungskonstrukt, das dazu diene, Diskriminierung, Ausbeutung, Exklusion und sogar Vernichtung zu legitimieren und die Höherwertigkeit der weißen Rasse zu begründen. Die Folgen dieser Ordnung seien tief in den kollektiven Wahrnehmungs- und Handlungsmustern verankert - wenn z.B. andersfarbige Menschen als "Andere" wahrgenommen werden, selbst wenn sie in Österreich geboren und hier studiert haben.
Polak: "Rassismus gibt es also, weil es Rassisten gibt: Menschen, die eine Gesellschaftsordnung für legitim halten, in der es Menschen gibt, die mehr, und solche, die weniger wert sind." Besonders "geeignet" sei diese Weltsicht für Zeiten, in denen die soziale Kohäsion durch wachsende soziale Ungleichheit, Armut sowie Unrechts- und Ungerechtigkeitsstrukturen bedroht ist. Nicht nur Menschen mit dunkler Hautfarbe, sondern alle vulnerablen Minderheiten seien in solchen Zeiten besonders gefährdet, insbesondere die Armen. Dies sei struktureller Rassismus - nicht mehr auf biologischer, sondern auf ökonomischer Grundlage.
Dieser Befund erkläre auch, warum die Gesellschaft mit sogenannten Expats, also wirtschaftlich erfolgreichen Migranten, in der Regel weniger Probleme hat, während geflüchtete Habenichtse abgewehrt werden. Es erklärt, warum gut angepasste Migranten weniger abgelehnt werden als Obdachlose, denen man das Betteln verbietet, schrieb Polak: "Im Rassismus wird nicht nur die Neigung zur Ablehnung von Fremden offenbar, sondern zeigen sich vor allem die Grundwerte unsere politischen und gesellschaftlichen Ordnungssysteme. Solange es Wohnviertel gibt, denen man entkommen muss, um sozial anerkannt zu werden; solange es Privatschulen gibt, in die jene flüchten, die aufsteigen oder den sozialen Status erhalten wollen; solange bei Bewerbungen Menschen mit anderer Hautfarbe oder fremd klingendem Namen bei gleicher Qualifikation benachteiligt werden; solange ein Drittel der Wiener Stadtbevölkerung keine politischen Mitbestimmungsrechte hat, leben wir in einer Gesellschaft, die von strukturellem Rassismus gekennzeichnet ist."
Von solchen Ordnungssystemen profitierten am Ende auch Menschen, die keine ausdrücklich rassistischen Einstellungen haben. Sie hätten qua Geburt in die Mehrheitsgesellschaft Vorteile und Privilegien. Auch ohne rassistische Einstellungen seien sie Teil des Problems, nahm sich Polak selbst davon nicht aus. Deshalb gilt für die Theologin: "Wer den Rassismus effektiv bekämpfen möchte, muss sich der Selbstkritik stellen und seinen Ort in der gesellschaftlichen Ordnung wahrnehmen und reflektieren. Wer Rassismus bekämpfen will, muss sich für mehr Gerechtigkeit und Teilhabe aller Glieder einer Gesellschaft engagieren."
Kirche und Rassismus
Wie Polak weiter festhielt, verurteilt die katholische Kirche den Rassismus in zahlreichen Papieren. Die Theologin zitierte Papst Johannes Paul II.: "Alle rassistischen Theorien widersprechen dem christlichen Glauben und der christlichen Liebe." Und: "Wer rassistische Gedanken oder Haltungen hegt, versündigt sich an der konkreten Botschaft Christi, für den der 'Nächste' nicht nur ein Angehöriger meines Stammes, meines Milieus, meiner Religion oder meines Volkes ist, sondern jegliche Person, der ich begegne."
Diese eindeutigen Positionen konfrontierten die Kirche mit zahlreichen Fragen, so Polak. Einige Beispiele: "Wo verletzen wir innerhalb der Kirche die gleiche Würde aller Menschen? Haben wir im Inneren Ordnungssysteme, in denen manche Menschen als wertvoller behandelt werden als andere? Welche Teilhabemöglichkeiten eröffnen wir zugewanderten, anderssprachigen Christen in unseren Gemeinden? Wo und wie setzen wir uns für eine Kirche ein, die in der Vielfalt ihrer kulturellen Traditionen als Bereicherung wahrgenommen wird?"
Oder: "Sind wir ausreichend solidarisch mit jenen, die heute zu Opfern rassistischer Diskurse werden? Leben wir diese Solidarität mit ihnen gemeinsam, an ihrer Seite?"