Die Caritas Österreich schlägt Alarm: Nach zehn Jahren Krieg hat die Not der syrischen Bevölkerung ein unvorstellbares Ausmaß angenommen. Dazu sind auch Nachbarländer wie der Libanon, die unzählige syrische Flüchtlinge aufgenommen haben, am Ende ihrer Kräfte. Die Caritas verweist in einer Aussendung am Dienstag auf eine Schätzung des UN-World Food Programme, wonach alleine in Syrien 9,3 Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe benötigen. Laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten gibt es in ganz Syrien rund 13,4 Millionen Menschen, die auf humanitäre Hilfe in der einen oder anderen Weise angewiesen sind; 4,7 Millionen davon sind Kinder.
Neben Nahrungsmittelknappheit sind auch mangelnde Infrastruktur, Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven für die Kinder sowie fehlende medizinische Versorgung Gründe, weshalb sich Menschen auf die Flucht begeben.
Krankenhäuser, Schulen und Arbeitsstätten seien noch immer zerstört, so Andreas Knapp, Generalsekretär für Internationale Programme der Caritas Österreich: "Mehr als 6,7 Millionen Menschen sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Weitere 5,6, Millionen sind in die angrenzenden Nachbarländer wie Jordanien oder den Libanon geflohen. Auch diesen Ländern gehen nach zehn Jahren bereitwilliger Hilfe schlicht die Ressourcen aus."
Die verheerende Explosion im Beiruter Hafen am 4. August 2020 verschärfte etwa die angespannte Lage im Libanon weiter: "300.000 Menschen verloren ihre Unterkunft, 160 Schulen wurden teils oder ganz beschädigt. Und dennoch bleibt der Libanon jenes Land, das pro Kopf die höchste Zahl an Schutzsuchen weltweit aufnimmt", so Knapp. Derzeit leben laut UNO Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) rund 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge im Libanon. Und nach Schätzungen der Jordanischen Regierung beherbergt Jordanien derzeit rund 1,3 Millionen Syrerinnen und Syrer.
Nach wie vor hätten Flüchtlinge nur begrenzten Zugang zu humanitärer Hilfe und erheblich eingeschränkte Möglichkeiten, ein Einkommen für ihre Familien zu erwirtschaften. "Die massive Explosion in Beirut und die Covid-19-Pandemie haben die ohnehin schon komplexe humanitäre Situation in der gesamten Region weiter verschärft. Diese zeitgleichen Krisen machen den Bedarf an grundlegender Hilfe und Nothilfeeinsätzen immer dringender", so Knapp.
Die Caritas Österreich helfe seit Beginn des Syrienkriegs und habe bereits 223.000 Menschen in Syrien und dem Nahen Osten unterstützt", so Knapp weiter: "Die humanitäre Hilfe reicht von der Versorgung mit Trinkwasser, mit Unterkünften und Heizmöglichkeiten, über Geldleistungen für Grundnahrungsmittel bis zur Schaffung von Perspektiven durch Bildungsmöglichkeiten."
Doch es brauche noch mehr, betonte der Caritas-Auslandshilfechef: "Für so lange andauernde Krisen wie in Syrien braucht es eine Planbarkeit der Humanitären Hilfe." Erfreulicherweise sei der heimische Auslandskatastrophenfonds Ende 2020 auf 50 Millionen Euro erhöht worden. Es wäre aber wünschenswert, dass zumindest 50 Prozent der Finanzmittel jeweils zu Jahresbeginn für diese langanhaltenden Krisen reserviert und geplant würden, um den Menschen vor Ort mittelfristig eine Perspektive geben zu können, so Knapp. Derzeit helfe die Caritas mit Existenzsicherungsprojekten 19.000 Menschen in Syrien, unterstützt wird sie dabei auch von der Austrian Development Agency (ADA) und der EU.
Krisen wie jene in Syrien würden Kinder mitunter am stärksten treffen, betonte Knapp weiter. Denn in diesen Situationen seien sie vermehrt Gewalt, Zwangsarbeit und der Gefahr von Kinderehen ausgesetzt, außerdem besuchten sie oft jahrelang keine Schule. Im gesamten Nahen Osten habe mehr als jedes dritte syrische Kind keinen Zugang zu Bildung. "2,4 Millionen Kinder gehen in Syrien nicht zur Schule, im Libanon sind es 54 Prozent der registrierten Flüchtlingskinder", so Knapp. Angesichts dieser Zahlen spreche das UN-Kinderhilfswerk (UNICEF) zurecht von einer "Lost Generation".
Gerade für Kinder in Krisengebieten sei der Schulbesuch besonders wichtig, "sind es doch oft die einzigen Stunden am Tag, in welchen sie einfach Kind sein können". Die Schule ermögliche den Kindern außerdem Tagesstruktur, Stabilität und Sicherheit "und eine Grundlage, um in der Zukunft auf eigenen Beinen stehen zu können", so der Caritas-Auslandshilfechef: "Mit Bildungsprogrammen in Syrien, Libanon und in Jordanien unterstützen wir aktuell 13.000 Kinder und ihre Familien und ermöglichen trotz Krise einen sicheren Zugang zu qualitätsvoller und inklusiver Bildung sowie psychosoziale Betreuung. Klar ist aber auch, dass für eine langfristige Veränderung ein globaler Bildungspakt, wie ihn beispielsweise Papst Franziskus vorschlägt, dringlicher denn je ist."
Infos und Spenden: www.caritas.at/syrien