Pfarren sollten Räume des Aufatmens und der Freiheit sein, aktuell sind die meisten Arbeits- und Lebensräume der Gemeinden jedoch mit alten Bildern von Seelsorge, Priestern und Hierarchien voll geräumt. "Bei so manchem weiß man gar nicht mehr so genau, warum das so ist, wie es ist": Das hat der Wiener Pastoraltheologe Johann Pock am Mittwoch, 28. April 2021, im dritten Teil des vierteiligen österreichweiten Online-Kongress der Pfarrgemeinderäte angemerkt.
Der Professor für Pastoraltheologie an der Universität Wien appellierte in seinem Vortrag zum Thema "Zwischen "Pflicht" und "Kür": Wie Freiräume Pfarren zukunftsfähig machen können" an die rund 300 Teilnehmenden, Traditionen und eingefahrene Vorstellungen loszulassen, um neue Seelsorgeräume entstehen lassen zu können.
Am dritten Teil des PGR-Kongresses nahmen via Videoplattform Zoom größtenteils ehrenamtliche Pfarrgemeinderäte, sowie etliche hauptamtliche Kirchen-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter sowie Priester und Diakone teil. Hintergrund der bis 6. Mai stattfindenden Online-Foren ist die nächste Pfarrgemeinderatswahl im März 2022.
Zwar gehörten Traditionen wesentlich zur Kirche und zum pfarrlichen Leben, "gleichzeitig dienen wir aber nicht den Traditionen - sondern sie dienen uns in unserem Christsein", konstatierte der Wiener Theologe. Ein erster Freiraum könne etwa die Verabschiedung vom hierarchischen Denken und vom Begriff "Hochwürden" sein.
Kirche und Pfarren seien demnach mehr als ein reiner Verwaltungsapparat, sondern bestünden "aus Menschen, die mitdenken und anpacken". Wenn daher die Beziehungsebene nicht klappe, sei auch eine Zusammenarbeit schwierig, wies Pock hin. Pfarren seien zudem nicht im Besitz der Pfarrer - "obwohl das 'Pfründe-Denken' noch immer nicht ganz verschwunden ist" - und auch nicht der Besitz "von einigen wenigen in der Pfarre". In solchen Fällen könnten sich gar "notgedrungene strukturelle Änderungen" positiv auswirken. Als Beispiel nannte der Pastoraltheologe etwa die "Seelsorgeräume" der Erzdiözese Wien, in denen unterschiedliche Priester mit unterschiedlichen Schwerpunkten zusammen arbeiten. Seelsorge geschehe schließlich im Team, "also gemeinsam und nicht als Einzelkämpfertum".
Auch Pfarren benötigen laut Pock eine kritische Reflexion des Themas Freiheit - das zum höchsten Gut der demokratischen Gesellschaften gehört - und wo und wem sie Räume zur Verfügung stellten. Als klassisches Beispiel nannte der Pastoraltheologe die Jugendarbeit: Für junge Erwachsenen könne es schwierig sein, vorgestaltete Räume und Traditionen "als die ihren ansehen zu können". Die Jugendarbeit brauche folglich Freiräume - "und diese müssen von den Jugendlichen selbst oder gemeinsam mit ihnen entwickelt und bespielt werden".
Ohne Frauen und Männer in den Pfarrgemeinderäten wäre unsere österreichische Kirche und Gesellschaft viel ärmer, strich Pock hervor. Die ehrenamtlich Engagierten würden ihre Freizeit nutzen, um in einer Pfarre mitzudenken und mitzuhelfen- "und das in einem Umfeld, das in den vergangenen Jahren etwas rauer geworden ist". Dabei gehe es auch mehr als nur um das Ausfüllen von Funktionen oder ein Beratungsgremium für die Pfarrleitung; vielmehr seien unter Pfarrgemeinderäten Menschen zu verstehen, "die ihr Christsein öffentlich zeigen und bekennen; die mitdenken; die ihre Fähigkeiten einbringen zum Wohle einer größeren Gemeinschaft".
Als Vorbereitung auf die nächste Pfarrgemeinderatswahl im Frühjahr 2022 haben die heimischen Diözesanbischöfe gemeinsam mit den diözesanen Pfarrgemeinderats-Referenten zu einem bundesweiten Austausch geladen. Im Fokus der vier Online-Foren stehen Fragen nach gelingenden Praxismodellen und wie Beteiligung in den Pfarren gelingen kann. Die "Konferenz der PGR-ReferentInnen der Diözesen Österreichs" erhofft sich von den Online-Foren im Vorfeld der nächsten PGR-Wahlen einen Austausch über Praxismodelle, wie Partizipation in den Pfarrgemeinden gelingen kann.
Beim kommenden vierten und letzten Termin des virtuellen PGR-Kongresses am 6. Mai spricht Gabriele Viecens, Referentin für lokale Kirchenentwicklung der deutschen Diözese Hildesheim, zum Thema "Wie schaffen wir Platz für Talente und ermöglichen Beteiligung?". Zuvor hielten neben dem Pastoraltheologen Pock auch der Innsbrucker Theologe Christian Bauer sowie die Pastoraltheologin Klara Csiszar Vorträge zum Thema Pfarre und deren Entwicklungsmöglichkeiten.
Seit mehr als einem halben Jahrhundert werden in Österreich als Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils Pfarrgemeinderäte und -rätinnen direkt gewählt. Alle fünf Jahre haben damit rund 4,5 Millionen wahlberechtigte Katholiken die Möglichkeit, eine Funktion in ihrer Pfarrgemeinde zu übernehmen oder mit ihrer Stimme den jeweiligen Kandidatinnen und Kandidaten das Vertrauen auszusprechen. Rund 28.000 Personen stellen sich dieser Verantwortung. Das nächste Mal ist es am 20. März 2022 wieder soweit.
Infos und Kongress-Anmeldung, auch für einzelne Termine: www.pfarrgemeinderat.at